Umwelt-Tauchservice:
Räumen von Faultürmen ohne Betriebsunterbrechung
Hier zählt Nervenstärke: Tauchen im Faulturm
Wenn Anton Ulrich in seinen Tauchanzug schlüpft, hat er für ei
nen kurzen Moment die farbenprächtige Unterwasserwelt des Roten Meeres vor Augen. Aber die Erinnerung an den letzten Urlaub verbannt er sogleich wieder aus seinem Kopf, denn der anstehende Tauchgang ist alles andere als entspannend und erfordert höchste Konzentration: Mit seinem Team von der „Tauchpartner C. Ulrich GmbH” aus Wien ist der Firmenchef heute auf der Kläranlage des AWV Welser Heide in Marchtrenk (Oberösterreich) im Einsatz.
Sie räumen die Faultürme aus und beseitigen so Sand, inneres Schlammmaterial und was sich sonst noch im Lauf der Zeit auf dem Grund angesammelt hat.Die Taucher bereiten sich penibel vor, jeder Griff sitzt. Die Manschetten an den Ärmeln werden abgedichtet, der Helm wird an die Halsmanschette geschraubt, die Luftversorgung angekoppelt und die Sprechverbindung hergestellt. Bleibt trotzdem eine undichte Stelle, ist das laut Ulrich kein Grund zur Panik: Da im Anzug Überdruck herrscht, kann zwar Luft austreten, aber kaum Wasser oder Schlamm einsickern. „Das saftelt nur ein bisschen”, schmunzelt der 57jährige Wiener.Was für den Unternehmer in 30 Berufsjahren zur Routine geworden ist, lässt beim Laien allerdings die Magennerven rebellieren: „In Klärbecken oder hier im Faulturm zu tauchen, ist sicher nicht jedermanns Sache.”
Fertig „verpackt”, wird Anton Ulrichs Mitarbeiter an der Seilwinde etwa 25 Meter in den Faulturm hinab gelassen, um wenig später gänzlich im Klärschlamm zu verschwinden. Dann wird es um ihn herum schlagartig stockfinster, nur tastend kann er sich in der 37 Grad warmen Brühe fortbewegen.
“Das muss man erst einmal mental aushalten. Das ist der Punkt, an dem jeder Neue die Nerven wegschmeißt”, weiß Ulrich. Die nicht ungefährliche Arbeit der staatlich geprüften Berufstaucher bietet für Kläranlagen-Betreiber zwei große Vorteile: die Ersparnis von Kosten und Zeit. Denn für das Anlagenpersonal ist das Reinigen eines Faulturms mit sehr hohem Aufwand verbunden; zunächst muss der Schlamm abgelassen und anschließend der Turm wieder neu angefahren werden. Der Faulungsbetrieb ist in dieser Zeit unterbrochen - nicht so, wenn die Taucher die Reinigung übernehmen.Nur die Produktion von Faulgas ist während ihres Arbeitseinsatzes nicht möglich (da der Faulturm geöffnet ist), außerdem muss mehr Schlamm gepresst werden, räumt Anton Ulrich ein.
Für ein Projekt veranschlagt er zwei bis drei Wochen; so auch auf der Kläranlage des AWV Welser Heide, auf der insgesamt drei Faultürme mit jeweils 4500 Kubikmeter Schlamm zu reinigen waren.
Nach Räumung: Effektive Faulung
Das Ausräumen lohnt sich: Danach verfügt die Kläranlage über „eine bessere, effektivere Faulung und kann wieder das volle Volumen des Faulturms nutzen”, sagt der Chef des Wiener Umwelttauchservice, das vorrangig in Österreich, Deutschland und den skandinavischen Ländern tätig ist. Bei Einsätzen im Ausland kann Ulrich auf verlässliche Kooperationspartner zurückgreifen.
Manches Mal werden die unerschrockenen Taucher vor besondere technische Herausforderungen gestellt —zum Beispiel bei stark schäumenden Faultürmen. So fanden Ulrich und sein Team schon bis zu drei Meter hohe Schaumdecken vor, die neben den Ablagerungen am Boden für eine zusätzliche Einschränkung des Faulturm-Volumens sorgen.
In solchen Fällen kann die VTA helfen, beispielsweise mit Entschäumern oder der Klärschlamm-Desintegration mittels Ultraschall. Des weiteren lässt sich durch den Einsatz von VTA-Systemprodukten in der biologischen Stufe das übermäßige Wachstum von Fadenbaktieren unterbinden, sodass es gar nicht erst zu Schaumbildung kommt.
Unser Taucher hat sich inzwischen eine Pause verdient. Nach einer Stunde Arbeit im Faulturm folgt ein halbstündiger -Dekompressionsaufstieg. Jeder hat seine eigene Methode, um diese Zeit zu überbrücken. „Der eine schläft, der andere meditiert”, erzählt Anton Ulrich. Wenn er selbst tief im Schlamm auf das Auftauchen wartet, träumt er vom Tauchen im Roten Meer.
Ausgabe 29 / Juni 2005