Taucher erkunden Klärwerk

In der Kläranlage ist Fingerspitzengefühl gefragt: Blind muss sich der Taucher durch den Schlamm im Faulturm tasten. Ablagerungen aus Sand und Schlamm haben das Abflussrohr verstopft und wurden mit Hilfe des Tauchers abgesaugt.

Es ist stockfinster, brütend heiß und stinkt zum Himmel – so etwa könnte man beschreiben, was sich hinter der 20 Meter hohen, eiförmigen Wand des Faulturms im Klärwerk in Horgen verbirgt. Freiwillig würde dort sicher niemand tauchen gehen wollen und doch sind fünf Männer in den letzten Tagen immer wieder in das Sand-Schlamm-Gemisch abgetaucht.

Aber nicht zum Spaß. Harte Arbeit mussten sie im Faulturm verrichten. “Da drin kann man rein gar nichts sehen. Die Taucher müssen sich durch den Schlamm tasten”, erklärt Rainer Rapp, Leiter der Kläranlage Horgen.

Und wofür das Ganze? In dem Faulturm befindet sich ein Gemisch aus Sand, Schlamm und Bakterien. Diese Bakterien produzieren Methangas, das im Behälter nach oben steigt und für den Betrieb des Heizwerkes verbrannt wird. Mit den Jahren lagern sich mehrere Schichten von Sand und Schlamm an den unteren, spitz zulaufenden Wänden ab. “Diese Ablagerungen verstopfen jetzt das Abflussrohr”, so Rapp.

Bereits im vergangenen Jahr wurden drei Taucher beauftragt, die Situation im Faulturm zu prüfen. Der Befund war eindeutig: der Schlamm hatte sich an den Wänden bis zu einer Höhe von zehn Metern abgelagert. Um das endgültige Verstopfen des Abflussrohres zu verhindern, wurden jetzt fünf Taucher aus Wien angeheuert, um im Innern des Faulturms die Abflussöffnung zu verschließen, so dass der abgelagerte Schlamm über einen Schlauch abgesaugt werden kann.

Gleichzeitig wollte Rapp die Gelegenheit nutzen, die veralteten Rohre im Keller der Kläranlage, durch die der Schlamm normalerweise abgelassen wird, durch neue Edelstahlrohre zu ersetzen. Der erste Versuch allerdings scheiterte. Die Platte, die die Taucher im Faulturm angebracht hatten, hatte sich verschoben und das Abflussrohr nicht ganz verschlossen. Die Folge war, dass aus dem Rohr Schlamm in einen Teil des Kellers der Kläranlage schoss. Ganz zum Unmut der Arbeiter und Rainer Rapp, die in ein paar Sekunden am ganzen Körper mit Faulschlamm bespritz wurden. Aber weniger der Schlamm, sondern vielmehr das ausströmende Methangas machte den Arbeitern zu schaffen.

Beim zweiten Versuch schafften es die Taucher, das Abflussrohr vollständig abzudichten, so dass die Rohre gefahrlos ausgetauscht und der abgelagerte Schlamm im Faulturm abgesaugt werden konnte. “Das müsste jetzt so zehn bis 15 Jahre halten, bis wieder abgelagerter Schlamm abgesaugt werden muss”, so Rapp.

Die Alternative zu den Tauchgängen im Faulturm wäre gewesen, den kompletten Turm zu leeren. “Das ist aber sehr teuer”, so Rapp. Nur wenn das Risiko für die Mitarbeiter zu groß geworden wäre, hätte Rapp die Aktion sofort abgebrochen und den Turm komplett leeren lassen.

Von Anika Etzholz, Zimmern-Horgen