Versorgung + Entsorgung
Faulturmsanierung

Taucher im Faulschlamm

Im Faulturm einer Abwasserreinigungsanlage bilden sich Ablagerungen, welche das Füllvolumen und dadurch die Leistung reduzieren. Um den Faulturm von diesen Ablagerungen zu befreien, muss er entleert werden, was Betriebsausfall und hohe Kosten bedeutet. Eine seit über 10 Jahren in Österreich und Deutschland erfolgreich eingesetzte Technik ermöglicht die Sanierung ohne Entleerung. Taucher wagen sich in den Schlamm.

Von Beat Glogger

Wenn der Faulturm einer ARA einige Jahre in Betrieb ist, bilden sich am Grund in der Regel Ablagerungen. Nach und nach reduzieren so Sand, Schlamm und so genannte Verzopfungen, ein verfilztes Gemisch aus faserigen, nicht abbaubaren Materialien, das Füllvolumen des Faulturms. Dies schränkt nicht nur die Leistungsfähigkeit ein, sondern kann auch zu ernsthaften Betriebsstörungen führen: das Absaugen des ausgereiften Schlammes wird erschwert oder durch Verstopfungen gänzlich verunmöglicht.

Um solche Störungen zu beheben oder auch um die Innenwand des Faulturms auf Schäden zu überprüfen, musste bis anhin der ganze Turm durchschnittlich alle zehn bis fünfzehn Jahre vollständig entleert werden. Dabei steht der betreffende Faulturm während vier bis acht Monaten, abhängig von der Grösse und dem Volumen, nicht im Betrieb.

Was für die ARA erhebliche Konsequenzen hat: das Speichervolumen für Klärschlamm ist reduziert, und damit auch die Betriebssicherheit. Ausserdem entfällt für diese Zeit die Produktion von Klärgas. Auch sind die Arbeiten im leeren Turm schwierig, da ein Gerüst eingebaut werden muss, wodurch Sekundärschäden entstehen können. Nicht zuletzt bedeutet die Entleerung des Turms auch eine Gefahr für Mensch und Material. Die Arbeiten sind nur mit Atemschutzgerät möglich, es besteht Explosionsgefahr und durch den Wegfall des Fülldrucks können sich in der Wand Risse bilden. Neuerdings bietet eine österreichische Firma ein Verfahren an, den Faulturm zu sanieren, ohne ihn zu entleeren. Die Methode ist nicht nur wesentlich schneller, sondern auch um rund zwei Drittel billiger als die herkömmliche Methode.

Taucher im Faulschlamm

Die Firma Umwelt-Tauchservice Tauchpartner C. Ulrich GmbH schickt Berufstaucher in den voll beladenen Faulturm. Keine appetitliche Sache gewiss, doch die Männer sind in voll schliessenden Taucheranzügen bestens geschützt. Sie lassen sich an einer Sicherheitsleine in die faulige Brühe abseilen, verbunden mit der Oberfläche über eine Pressluftzufuhr und ein Helmtauchtelefon, ausgerüstet mit einem Hochdruckreiniger und einem ausgeprägten Orientierungssinn, um sich in der absoluten Dunkelheit zurechtzufinden. «Eine anstrengende Sache», urteilt Firmeninhaber Anton Ulrich. «Doch unsere Leute sind sehr erfahren und halten sich fit. Diese Arbeit ist sozusagen die Königsdisziplin des Tauchens.» Wer keine Erfahrung auf Ölplattformen, bei Unterwasser¬bauarbeiten oder Ähnlichem hat, kommt fürs Schlammtauchen nicht in Frage.

Die Spezialisten arbeiten hart unter der Oberfläche. Sie erfühlen mit Händen und Füssen die Ablagerungen und tragen sie mit dem Hochdruckreiniger Schicht um Schicht ab. Das Material wird mittels Spezialpumpen abgesaugt. Nach maximal einer Stunde Arbeit kehren die Männer schweissnass und erschöpft an die Oberfläche zurück. Die entfernten Ablagerungen können von der Kläranlage weiter verarbeitet werden, das heisst, je nach örtlichen Gegebenheiten und Vorschriften in einer Kammerfilterpresse, einer mobilen Presse, einem Pufferbecken oder Stapelbehälter zugeführt werden.

Vorteile für den Betrieb

Eine Reinigung mit dieser Methode dauert je nach Grösse des Faulturmes zwischen 10 und 28 Tagen. Wobei der Faulturm während dieser Zeit bis auf die fehlende Gasausbeute in Betrieb bleibt. Insbesondere wird die Betriebstemperatur nicht gesenkt und die Zufuhr von Neuschlamm ist weiterhin möglich. Neben den betrieblichen und finanziellen Vorteilen und dem Zeitgewinn stehe auch die Umwelt als Argument, meint der Berufstaucher Anton Ulrich: «Es ist die umweltfreundlichste Methode. Denn wir entsorgen nur den toten, komplett ausgefaulten Schlamm. Der biologisch wertvolle Dünnschlamm bleibt erhalten.» So wurde die Methode denn auch vom Österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft mit dem Umweltpreis ausgezeichnet.

Weitere Einsatzmöglichkeiten

Die wagemutigen Taucher lassen sich aber nicht nur in den dickflüssigen Faulschlamm abseilen. Sie schrecken vor keiner Brühe zurück: Sie steigen auch ins Nachklärbecken, sei es um defekte Laufräder oder abgenutze Gummilippen zu ersetzen oder Fremdkörper zu bergen. Belüftersysteme werden mit Hochdruck gereinigt und selbst ganze Belüfterstränge lassen sich unter Wasser nachrüsten oder demontieren. Nun versucht das Tauchunternehmen nach Österreich und Deutschland auch in der Schweiz Fuss zu fassen.

Kommunalmagazin 4/2005